Im Theaterstudio Olten erzählte Ferruccio Cainero 2500 Jahre Menschheitsgeschichte, als wäre er selbst dabei gewesen. Fesselnd, mit Italo-Charme und Tiefe.
«Ou, ou, Ragazzi!» Da verkündet einer, sein Publikum im Sitzen fesseln zu wollen. «Seduto dinamico», nennt er es. Und an einem Abend, der sich um 2500 Jahre Menschheitsgeschichte zu drehen verspricht, macht der italienische Autor und Schauspieler, Ferruccio Cainero, das Sitzen zur grossen Konstante.

Da vorne steht ein Mann, der in 20 Windungen erzählen kann, dass er jetzt zum zweiten Mal in seinem Leben im Sitzen spielen werde. Und niemand nimmt es ihm übel. «Eh ma, ich habe gedacht, nach 20 Jahren ich kann spielen bei Sitzen, no?» Er nimmt Platz.
Ist es der Trapattoni-eske Sprachstil? Das Glänzen in seinen Augen, oder einfach die südalpine Lockerheit, der wir Mittelländer in diesen nebligen Tagen machtlos unterlegen sind?
Von Mendrisio in die Wiege der Demokratie
Caineros Reise beginnt in der Bibliothek Mendrisio und wird augenblicklich von einem fachsimplerisch zustimmenden Wispern einer Frau aus der ersten Reihe quittiert. Sie kennt die Bibliothek in Mendrisio und zeigt das auch. Der Italo-Charme hat sein erstes Opfer gefunden und wird im Laufe der 80 Minuten Solo-Erzählung noch so manches weiteres einfordern.
Die Prämisse dieses Erzählabends also ist diese. Cainero, ein 70-jähriger Mann, sitzt und liest in den geschichtlichen Werken der Tessiner Bibliothek. Er liest mit solch einer Intensität, dass er sich innert weniger Minuten selbst als Teilnehmer der Geschehnisse wähnt und genau so nimmt er sein Publikum mit ins alte Athen. Und zuerst sitzen wir. Wir sitzen mit Sokrates auf einer Bank und beobachten das Geschäftige treiben in der attischen Agora.

Sokrates, selbstverständlich, war einer der Begründer der Pädagogik, klärt der Erzähler auf. Schliesslich habe er es mit seinen eigenen Augen gesehen. Und wie man ja wisse, hätten es die alten Griechen noch nicht so ganz verstanden, Pädagogik und Pädophilie auseinanderzuhalten. Cainero scheut sich nicht, dem Begründer der abendländischen Philosophie eins auszuwischen. Genauso wenig, wie er sich scheut, der Macht- und Habgier der attischen Demokratie ins Auge zu schauen und sie der unsrigen gegenüberzustellen.
Von Jesus zu Kaiser Konstantin
Im Friaul, wo Cainero aufgewachsen ist, gebe es diesen Ausdruck: «dio caro» – der teure Gott. Und der Sprung vom friulischen Kraftausdruck zu den Tempelmärkten Jerusalems ist für Cainero nur ein gedanklicher. Er erzählt, als habe er neben Jesus gestanden, wie dieser die Opfertierverkäufer aus den Tempeln vertrieb.
«Questo Yehosua», sagt er, «er hat zu viel gepredigt – und zu wenig Rücksicht auf die Märkte genommen.» Weil er für einen Gott der Armen predigte, einen demütigen Gott, aus dem sich nur schwer Profit schlagen lasse, habe er am Kreuz enden müssen.

Dann richtet er sich auf. «Und später», sagt er, «später kam einer, der verstand, wie man aus diesem Gott Kapital schlägt.» Er spreche von seinem Freund, Kaiser Konstantin natürlich. Einses Morgens sassen die beiden nämlich zusammen und Konstantin sei verunsichert gewesen, «poverino Constantino». «Ferrucius», rief er seinen Freund an, «glaubst du, ich habe übertrieben?»
Seinen Sohn hatte er soeben am lebendigen Leib gekocht und die Frau ermorden lassen, dieser Konstantin. Aber Ferrucius kennt da einen Gott, der nichts lieber mag als Vergebung und es gebe ja nur einen, den man nach einer Schreckenstat zu besänftigen habe. Und der Aufstieg des Christentums im Alten Rom war perfekt.
Sokrates, Jesus, ja Gott und das Christentum selbst bekommen ihr Fett weg. Galileo Galilei, Nietzsche und schliesslich Putin. Bei ihnen allen sitzt Cainero. Er erzählt und unterhält, jauchzt und zuweilen singt er. Er sitzt und malt mit seinen Worten den Lauf der Zeit, meist ist er heiter und das Publikum mit ihm. Einmal mehr nimmt man ihm die krassen Aussagen nicht übel. Der Italo-Charme halt.
Er sitzt und spricht von Kriegstreiberei, von der Übernahme unserer Moral durch Profit und immerwährendem Fortschritt. Und wir sitzen auch. Und lachen. Ohne zu merken, dass diese Reaktion – dieser Zynismus und das sorglose Lachen – genau die menschliche Eigenschaft ist, die dafür sorgt, dass sich die Geschichte immer wiederholt.

Hinterlasse einen Kommentar