«Jetzt bin ich nervös» – Wie ein Gemeindepräsident seine erste Budget-Versammlung erlebt

Seit August ist Laurent Karrer Gemeindepräsident von Wangen. An seiner ersten Gemeindeversammlung zeigt sich, welche Art von Führungsperson er ist.

In vergangenen Jahren war es nicht leicht in Wangen Gemeindepräsident zu sein. Als Laurent Karrer im Sommer die Nachfolge seiner Parteikollegin Daria Hof antrat, hatten sich die Wogen im Rat so weit geglättet. Dennoch: in der Vergangenheit ging es an Wangner Gemeindeversammlungen heiss her.  Karrer nimmt seine erste Versammlung als Präsident jedoch sehr gelassen.

Wir haben den neuen Präsidenten einen Abend lang begleitet.

«Schon ein bischen nervös», Gemeindepräsident Laurent Karrer führt seine erste Versammlung. (Bild: Bruno Kissling)

«El Presidente» steht an der Wand in seinem Büro. Klein, aber fein, sei es. Nur eine Wandmalerei habe gefehlt. Aus dem eigenen Sack bezahlt, verstehe sich. Die Kirche und das Gemeindehaus sind darauf zu sehen. Und auch das Wangner Wappen. Über diesem prangt er, der Schriftzug.

Dass er sich hier wohlfühlt, spürt man. Zuvor war er vier Jahre Gemeinderat. Er präsidierte elf Jahre lang die Musikgesellschaft Wangen und arbeitet am Hauptsitz der Landi im Berner Seeland in einer Führungsposition. Trotz aller Erfahrung ist die Mappe in Karrers Händen dick. Einen halben Arbeitstag hat er in die Vorbereitung gesteckt.

Die Wandmalerei in seinem Büro hat Karrer selbst bezahlt. (Bild: Emil Rohrbach)
Das Ding mit der Nervosität

Es ist nun sieben Uhr Abends. Um acht Uhr gehts los. «Eigentlich gibt es keinen Grund zur Sorge», sagt der Präsident. Wenn in den letzten Jahren an den Gemeindeversammlungen etwas los gewesen sei, habe man das jeweils im Vorfeld via die sozialen Medien mitbekommen. Heuer nicht.

Zu Fuss zur gehts zur Turnhalle Alp. Hände schütteln, Schultern klopfen, fachsimpeln und kleine Witzchen reissen. Den Gemeindepräsidenten kennt man. Und für alle hat er ein gutes Wort übrig. Mit seiner Gestalt wird der 1,97 Meter-Mann von weitem gesehen.

Eine lange Tischreihe trennt den Raum. Daran sitzen die Gemeinderäte und Mitarbeitende der Verwaltung. Auf den mittleren Tisch ist Karrers Rednerpult gestellt. Genau so, dass es just einige Zentimeter zu weit unten liegt. «Jetzt bin ich nervös», sagt er, als er seine Notizen platziert. Er setzt sich hin. Die Haltung erinnert an einen Cowboy, der am Lagerfeuer einen schwarzen Kaffee trinkt. Ein Schwatz mit seinen Ratskollegen und als fasste er sich ein Herz, schnellt er um Punkt acht Uhr auf, tritt ans Rednerpult und eröffnet die Versammlung.

Die Kehle ölen. Wenn Laurent Karres sprach, war ruhe im Saal. (Bild: Bruno Kissling)
«Macht euch keine Sorgen»

Es gibt nur einen Moment, an dem die Stimmung zu kippen droht. Eine Votantin will mit einem Nein zum Budget der Sozialregion Untergäu «in Solothurn oben» ein Zeichen setzen. Ein zweiter schliesst sich ihr an und im Saal murmelt es. Der zuständige Gemeinderat schaltet sich ein, dann der Finanzverwalter, weitere Einwohner sprechen. Es bleibt höflich, sachlich. Kein einziges Mal versucht Karrer sich einzumischen. Er muss nicht.

Und doch: Sobald er ans Mikrofon tritt, beruhigt sich der Saal. «Macht euch keine Sorgen», sagt er. Im Verband der Solothurner Einwohnergemeinden (VSEG) sei man sich der steigenden Sozialkosten bewusst und mit diesem besässen die Gemeinden in Solothurn gewissermassen eine «Lobby». Das fruchtet.

Der Rest der Versammlung verläuft ruhig, Gegenstimmen gibt es fast keine und die Augen der Besucherinnen und Besucher schielen vermehrt auf das Apero, das die Gemeindeangestellten im Hintergrund vorbereiten. Um halb elf tritt der Präsident sichtlich erleichtert vom Rednerpult weg. Die Frage, wie es ihm nun gehe, ist mit einem «gut» schnell beantwortet. Lieber spricht er die starke Arbeit seiner Ratsmitglieder an, die Qualitäten seiner Vorgängerin Daria Hof und die Unterstützung, die er von ihr erhalten hat, oder über anstehende Geschäfte.

Der Schriftzug an seinem Büro lässt es nicht vermuten, aber Laurent Karrer steht wohl weniger gerne im Mittelpunkt, als es scheint.


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Emil Rohrbach