Dreizehn Jahre führte Tonja Haefeli die Spielgruppe Wichtelhuus in Boniswil. Über die Bedeutung von Freiheit, Kinderbücher und neue Anfänge.
Und wieder: plitsch. Minuten müssen nun schon verstrichen sein, seit der erste Tropfen durchs Dachfenster ihres umgebauten Vans gedrungen ist. Tonja Haefeli ist allein, die nächste Autobahnraststätte noch Kilometer entfernt. Sie schmeisst eine Wolldecke nach hinten. Damit nur endlich das Platschen aufhöre. Boniswil und die heimelige Spielgruppe zu Hause sind in weite Ferne gerückt.

Mittlerweile nachtet es ein. Der Scheibenwischer wappt hin und her. «Reims», steht auf dem Strassenschild. Irgendwann gibt sie die Suche nach ihrem Stellplatz auf. Genau das war es doch, was sie wollte: Freiheit, Eigenständigkeit, Abenteuer.
Um vier Uhr morgens und keine Sekunde Schlaf reicher, fährt sie wieder los, erinnert sich Tonja Haefeli an ihre erste Englandreise von vor vier Jahren. Am liebsten wäre sie umgekehrt. Doch da war England, ihr grosses Ziel. Sie schifft am Hafen von Calais ein. Überfahrt. Endlich Küste, Klippen, königliche Briefkastensäulen. «Ich schaffe das», sagt sich Tonja Haefeli zum ersten Mal.
Die Überwältigung, die sie in diesem Moment gespürt haben muss, lässt sich der Boniswilerin im Gespräch an den Augen ablesen. Diese Reise nach England, sagt sie vier Jahre später, habe die Träume, die Faszination, die sie für diese Insel hegte, zu einer Leidenschaft werden lassen.

Jahr für Jahr pilgerte Haefeli daraufhin während ihren Ferien auf die Insel. Bis sie diesen Sommer fast nicht mehr nach Hause gekommen wäre. «Die ganze Fahrt zurück in die Schweiz habe ich geweint», sagt sie. «Obwohl ich mein Leben daheim liebe.» Diesen Herbst fasst sie in Boniswil den Entschluss, endgültig loszuziehen. Legt ihre Finanzen aus. Es reicht, um zwölf Monate frei zu sein. Im Frühling will sie aufbrechen.
Was bedeutet Freiheit?
Im Frühling will sie aufbrechen. Jeden Morgen wiederholt sie dieses Mantra. Und jeden Morgen öffnet sie die Tür zur Spielgruppe in der alten Poststelle in Boniswil. Es ist ihre eigene und einzige Einkunft. Für ein bescheidenes Leben reicht es. Aber um wirklich frei zu sein, will sie die Spielgruppe verkaufen. Mit Kind und Kegel.
Jetzt sitzt sie im «Klassenzimmer» ihrer Spielgruppe. Der grün-blaue Holzstuhl ist eigentlich zu klein. Gemacht für Dreijährige. Genauso der Tisch. Die Themen aber sind fast zu gross. Was bedeutet Freiheit?

Ihr Blick schweift über die gebastelten Laternen aus alten Milchkartons auf dem Fenstersims. Am Eingang vorbei. Dort steht in Grün, Gelb, Blau, Rot ein Schiff aus Schwemmholz im Vorgarten. «Für Tonja», steht darauf. Das Abschiedsgeschenk der Kinder, die in den Kindergarten übergetreten sind. «Ich habe eigentlich alles, führe ein erfülltes Leben», sagt die 48-Jährige. Im Frühling will sie aufbrechen.
«Es ist, als zöge mich ein Gummizug an meinem Rücken auf die Insel», sagt sie. Ihre eigenen Kinder – beide erwachsen – verstehen den Schritt, wie auch ihr Ex-Mann. Auch wenn die Liebe erloschen ist, zeichnet gegenseitiges Verständnis und Unterstützung das ehemalige Paar aus.
«Ein magischer Ort» und eine andere Reise
Nach der Trennung kaufte Haefeli den Reisebus, folgte endlich dem Ruf aus ihrem Innern. Nach England zog es sie schon immer. Daran konnte auch jene wortwörtlich ins Wasser gefallene erste Reise nichts ändern. Mittelalter, Burgen, die Energie der Menschen: «Ein magischer Ort.»

Die Eltern der Spielgruppenkinder beneiden sie teilweise. «Du musst gehen», sagen sie ihr. Konkrete Pläne hat sie keine. Einfach gehen. Einfach fort. Im Frühling will sie aufbrechen.
Derweilen ist die Spielgruppe aber noch nicht verkauft. Globibücher aus fast jedem Jahrzehnt, zig Meter Holzeisenbahngleise, eine Spielküche, eine Rutschbahn im ehemaligen Tresorraum der Post und draussen ein Spielplatz. Das alles ist zu haben – und dazu die Betreuung von rund 60 Kindern, die im «Wichtelhuus» bei Tonja Haefeli angemeldet sind.

«Wenn das neue Jahr beginnt, wird die Spielgruppe verkauft sein», sagt sie. Es wird das Ende einer ganz anderen Reise sein. 2011 schlug die gelernte Konditorin im ehemaligen «Ochsen» in Boniswil mit ihrer Spielgruppe den Weg in die Selbstständigkeit ein, nachdem ihr einstiger Arbeitgeber die Geschäftstätigkeit hatte einstellen müssen. Jetzt, dreizehn Jahre später, erzählt sie von jungen Müttern, die bedauern, dass ihre Kinder dereinst nicht mehr zu Tonja ins «Wichtelhuus» gehen können.
Und trotzdem soll es im Frühling losgehen
Man fühlt es den Müttern nach: Es riecht nach Zimtstern und Mailänderli. Fünf Kinder sitzen vor Haefeli auf ihren kleinen Stühlen. Ein Mädchen blagiert: «Ich war mit dem Gotti beim Samichlaus.» Dazu haben die vier andern alle eine, vor allem laute Meinung.

«Der Samichlaus muss ganz weit laufen und kommt über die gefährliche Brücke», fängt Haefeli an. Das Kindergackern verstummt. Einer umarmt seine Knie. Das Kinn deponiert er darauf und schielt zum Bilderbuch. Tonja Haefeli pausiert, atmet aus.
«Schaut», sie deutet auf das Buch, das sie schon seit Jahren auswendig kennt. «Das Eseli hat er an der Leine. Er schaut gut, dass ihm nichts passiert.» Der Junge, dessen Füsse Augenblicke zuvor noch auf dem Stühlein parkiert waren, lehnt sich zurück: «Ich bin das Eseli.»
Und im Frühling will sie aufbrechen.



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