1960 trifft Karl Meli im Schlussgang auf dem Brünig auf einen jungen Haslitaler namens Beat Thöni. Der eine wird später König. Der andere verlässt den Platz auf einer Bahre – und wird nie mehr gehen.
Und dann blieb er liegen. Regungslos. Tausende schauen zu, wie Beat Thöni auf dem Brünig mit einer Bahre vom Sägemehl getragen wird.
Gerade noch hat er sich dem übermächtigen Karl Meli entgegengestellt – nun wird er nie mehr gehen. Heuer jährt sich einer der tragischsten Momente der Schwing-Geschichte zum 65. Mal.
1960 ist der grosse Karl Meli als Gast auf dem Brünig eingeladen. Er ist schon vor seinem ersten Königstitel 1961 einer der ganz Grossen im Schwingsport.

Und dann bleibt er liegen
Selbst die bösesten Berner und Innerschweizer können Meli nicht stoppen. Der Verkehrspolizist aus Winterthur mit der quadratischen Statur und der eisenharten Schwingart qualifiziert sich souverän für den Schlussgang.
Dort wartet einer, dessen Name heute nur noch Szenekennern ein Begriff ist: Beat Thöni, ein junger Mann aus dem Haslital. Ein Naturbursche, wie ihn Schwingchronisten nennen.
Jeder Ehrfurcht ohne schreitet Thöni in den Ring. Er attackiert wild, kompromisslos, direkt. Meli muss alles aufbieten, um nicht unterzugehen. Dann kontert er.
Thöni donnert ins Sägemehl auf dem Brünig. Meli gewinnt, aber Thöni bleibt liegen. Und bewegt sich nicht mehr. Helfer eilen herbei, müssen den Schlussgangverlierer auf eine Bahre legen und aus der Arena tragen.

Als er in die Mitte des Sägemehlrings schritt, um Meli vor dem Schlussgang die Hand zu reichen, ist Beat Thöni das letzte Mal gegangen. Die Diagnose: Querschnittlähmung.
Der König und der Rollstuhlfahrer
Karl Meli hat 1960 das letzte Mal auf dem Brünig geschwungen. Nicht ein einziges Mal in seiner illustren Karriere ist er an dieses Fest zurückgekehrt.
Doch was darauf folgt, ist aussergewöhnlich. Wie der Schwingchronist Hans Trachsel schildert, bleiben Meli und Thöni einander verbunden. Über Jahre hinweg sieht man sie gemeinsam an Schwingfesten: den König und den Rollstuhlfahrer.
Zwei Männer, deren Leben sich im Sägemehl auf dem Brünig gekreuzt haben und die das Schicksal aneinander gebunden hat. Es entsteht kein Groll, keine Verbitterung, sondern eine Freundschaft.

Wie Meli um ein Haar dasselbe Schicksal erlitt
Karl Meli schwingt nach dem Brünig weiter. Und wie. 1961 wird er in Zug Schwingerkönig, obwohl ihn beinahe dasselbe Schicksal zuteil wird wie zuvor Thöni.
Im dritten Gang gewinnt Meli, aber bleibt am Boden liegen. Er verliert nach einem harten Aufprall mit dem Kopf kurzfristig das Bewusstsein, verletzt sich aber nicht weiter.
Weil er den vierten Gang erst am Sonntag Morgen schwingt, wird er wegen einer reglementarischen Eigenheit beinahe vom Fest disqualifiziert.

Drei Jahre später verteidigt er in Aarau den Königstitel. Bis ihn 1966 ein gewisser Rudolf Hunsperger im Schlussgang stürzt. Doch Meli bleibt eine Konstante.
Er gewinnt fast alles, was es zu gewinnen gibt. Das Kilchberger, das Jubiläumsschwinget 1970. Das Gedenkschwinget 1976 in Murten.
1977, mit 39 Jahren, holt er sich am Eidgenössischen seinen neunten Kranz. Ungeschlagen. Drei Gestellte. Fünf Siege. Kein anderer Schwinger hat das je geschafft. Als er sich 1978 vom aktiven Sport zurückzieht, ist sein Ruf längst gefestigt. Jahrhundertschwinger.
Vom Schwinger zum Rollstuhlsportler
Und Thöni? Auch er kämpft weiter. Auf seine Art. Acht Jahre nach dem Unfall nimmt er an den Paralympics in Tel Aviv teil. Im Slalom.
1972 in Heidelberg macht er weiter. Diesmal im Speer, Kugelstossen, Diskus, Slalom und 60 Meter Sprint. Rollstuhlsport, damals noch weit entfernt vom heutigen Glanz, aber mit demselben Kampfgeist. Der Mann, der auf dem Brünig fiel, steht wieder auf.
Und der mystische Berg ruft auch 2025. Im ersten Gang kommt es gleich zum Knüller: Schwingerkönig Joel Wicki gegen den Berner Hoffnungsträger Michael Moser. Der eine mit allem, was es braucht, um seinen Status als Legende zu zementieren. Der andere mit allem, was es braucht, um eine zu werden.


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